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Tagesablauf |
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Frau S. ist erwacht. Im Baum vor ihrem Fenster zwitschern die Vögel. Die Sonne scheint bereits durch die Vorhänge. Sie braucht sich mit dem Aufstehen nicht zu beeilen, ihr Frühstücksgedeck wird solange auf sie warten, bis sie in aller Ruhe ihre Toilette gemacht und sich angezogen hat. Heute wird sie vielleicht Hilfe brauchen mit dem Kleid, dass sie anziehen möchte. Dann braucht sie nur den Knopf neben dem Lichtschalter zu drücken und bald wird jemand vom Pflegeteam ihr zur Hand gehen. Herr B. hingegen ist froh, wenn die Tür aufgeht, nachdem er anhand der lebhaften Töne im Gang gehört hat, dass das Pflegeteam eingetroffen ist. Liebevoll wird er begrüsst und man ist ihm bei den ersten morgendlichen Notwendigkeiten behilflich. Heute ist sein Badetag. Er freut sich auf die klassische Musik, die er dabei hören kann, die sanfte Beleuchtung des "Sternenhimmels" und den wohltuenden Duft des warmen Badewassers. Zuerst aber wird ihm das Frühstück im Zimmer serviert - er schätzt es sehr, dass er morgens nicht in aller Eile aus dem Bett genommen wird, sondern dass er Zeit hat, sich körperlich und geistig auf den Tag einzustimmen. Mittlerweile ist Frau S. wieder im Zimmer. Auf ihrem kleinen Rechaud kocht sie sich nochmals Wasser für einen Kaffee. Sie liebt es, sich nach dem Morgenessen hinzusetzen und in einem Buch zu lesen. Manchmal schaut sie sich im Fernseher auch eine Politsendung an.

Nach dem erquickenden Bad und der wohltuenden Pflege ist Herr B. bereit für den Kontakt mit seinen Mitbe-wohnern. Sein Rollstuhl wird in den Essraum gestellt, wo zu dieser Zeit Betrieb herrscht. Die Bewohnerinnen, welche sich als Rüstfrauen betätigen, sitzen fleissig schälend und schneidend um den runden Tisch. Die Köchin und die Küchenhilfe bewegen sich geschäftig zwischen der Küche und dem Essraum hin und her, geben hier Anweisungen und greifen da helfend ein. Frau M., die Leiterin der Hauswirtschaft, drappiert bunte kleine Sträusse auf den Tischen. Moritz, der Hauskater windet sich mit hocherhobenem Schwanz um die Beine der Sitzenden und wirft sich dann mitten im Raum auf den Rücken, um sich genüsslich zu wälzen. Es ist nie langweilig um diese Zeit hier. Nach und nach finden sich die übrigen Hausbewohnerinnen und -bewohner zum Mittagessen ein. Alle haben ihren Stammplatz.
Auch Frau S. gesellt sich zu der Gruppe. Sie hat Appetit. Vor allem die bunten, schmackhaft zubereiteten Salate zu Beginn der Mahlzeit regen ihre Verdauung an. Die Suppe lässt sie seit kurzem aus Gewichtsgründen weg, obwohl sie auch diese sehr gerne ass. Manchmal mag sie kein Fleisch. Wenn sie dies beim Frühstück angemeldet hat, bekommt sie die vegetarische Variante des Menues serviert. Ab und zu nimmt sie ein Glas Wein zum Essen, schätzt aber auch den lauwarmen, leichten Tee, der den ganzen Tag über erhältlich ist. Sie wird immer wieder ermuntert, genug zu trinken. Den aktuellen Wochen-Menueplan hat sie mitgestaltet und das, was es heute gibt, hat sich ihre Tischnachbarin, Frau U. gewünscht. Diese strahlt dann auch über das ganze Gesicht, als sie sich ein Stück weiches Hähnchenfleisch in den Mund schiebt.
Nach und nach hat das Essen auch die Gespräche angeregt. War es am Anfang noch eher still im Raum gewesen, wird jetzt bei Kaffee und Kuchen geplaudert und geplänkelt. Herr B findet es angenehm, dass er von denselben Personen bedient wird, die ihn auch pflegen, wissen sie doch um seine Bedürfnisse gut Bescheid. Manchmal kann er das Besteck selber führen, oft aber zittern seine Hände zu stark und er ist froh um Hilfe. Langsam löst sich die Mittagsrunde auf. Die einen begeben sich für ein Zigarettchen in den Raucher-Wintergarten, andere legen sich in ihrem Zimmer für ein Mittagsschläfchen hin oder lesen in der Loggia die Tageszeitung oder ein Magazin. Während Herr B. darauf wartet, dass auch er ins Zimmer gebracht wird, wo er sich in der Stille ausruhen kann, sieht er durch das grosse Fenster die Kinder auf dem Feld neben dem Schulhof in der Sonne Fussball spielen. Im Vorbeigehen legt ihm Frau S. kurz die Hand auf die Schulter, um ihn zu grüssen und sich nach seinem Befinden zu erkundigen.
Eine Weile wird es still im Haus. In der Loggia ist Frau P. im Lehnstuhl mit dem Kater auf dem Schoss eingeschlafen. Aus dem Radio ertönt leise Musik. Das ist auch der Moment, wo das Mitarbeiter-Team eine Pause macht und beim Mittagessen das morgendliche Geschehen rekapituliert oder auch Privates austauscht. Es wird oft gelacht am Tisch, die Stimmung ist locker und entspannt. Heute lief der Morgen rund, keine namhaften Zwischenfälle, alle sind zur Arbeit erschienen, keine Krankheitsausfälle haben "Feuerwehrübungen" notwendig gemacht. Zudem scheint die Sonne, was wesentlich zu einer guten Stimmung beiträgt. Das ist nicht immer so. Es kommt vor, dass Herr A. schlechte Laune hat und laut durchs Haus poltert und schimpft, oder Frau M. todtraurig erwacht, schon beim aufstehen schluchzt und weint, ihren verstorbenen Mann vermisst und ihre Tochter mit den Grosskindern, und kaum zu trösten ist. Doch heute ist der Himmel hell und wolkenlos und das Licht spielt mit den Farben in den Bildern an der Wand.
Auch Frau S. hatte sich hingelegt. Sie hört regelmässig Radio nach dem Essen und döst oft dabei ein. Nun kitzelt sie ein Sonnenstrahl, der durch das Dachfenster auf ihr Gesicht fällt. Es zieht sie auf - Frau R., die jeden Nachmittag mit den Bewohnern, die Lust haben, zum Beispiel Dekorationen für das Haus bastelt oder ein Frage-Antwortspiel fürs Gedächnis organisiert, ab und zu unterbochen von ein paar lockernden Gymnastik-Übungen, will heute mit dem Bemalen von Strassentafeln beginnen, welche, vor dem Haus aufgestellt die vorbeifahrenden Autofahrer aufmerksam machen sollen, dass hier Betagte wohnen. Auch hat ihre Tochter sich für einen Besuch angemeldet und die will sie doch nicht in der Unterwäsche empfangen.
Auch Herr B. hat wieder Unternehmungslust. Er wird den Nachmittag in der Loggia verbringen, da, wo alle andern sind. Vielleicht ist es sogar bereits warm genug für einen kurzen Ausflug auf den Sitzplatz. Er hat gehört, dass die Goldfische im Teich den Winter gut überlebt haben und gewachsen sind. Diese möchte er sich ansehen. Auch interessiert ihn, was bereits alles so blüht und spriesst im Garten, war er doch selbst früher leidenschaftlicher Hobbygärtner gewesen. Auch kommt es vor, dass Frau S. oder eine Pflegende ihm aus der Zeitung oder dem Buch mit den Mundart-Geschichten aus dem Emmental vorliest.
In der Loggia wird bereits vorbereitet: Farben werden in Gefässe gegossen, Pinsel bereitgestellt. "Tango", der Hund von Frau R., der jeweils zu den Kreativ-Nachmittagen auch mitkommen darf, begrüsst alle mit wedelndem Schwanz und zeigt seinen Knochen. Die einen haben Lust mitzumalen, andere schauen zu und es gibt auch Bewohner, die sich für das Geschehen gar nicht zu interessieren scheinen. Frau S. hat sich mit ihrer Tochter an einen Nebentisch gesetzt. Sie unterhalten sich angeregt bei einer Tasse Kaffee über den für das nächste Wochenende angesagten Besuch der jüngeren Tochter mit ihrer Familie aus der Ostschweiz.
Der Nachmittag ist schneller vorbei und war kurzweiliger, als in der Vorstellung erwartet. Schon sind die Tische im Essraum für das leichte Abendessen gedeckt und die Vögel in den Bäumen läuten mit ihren hellen Stimmen die Dämmerung ein. Was wird wohl heute im Fernsehen gezeigt? Was war in der Welt heute sonst noch los? Herr B. wird, wie viele im Haus, im Laufe des Abends das Gerät einschalten und sich mit einer Portion Information und Unterhaltung die Zeit bis zum Einschlafen verkürzen.
Oft versammelt sich ein Grüppchen vor dem Grossbildschirm im Essraum zum fernsehen. Frau K. setzt sich ganz nah davor, damit sie das Bild gut sehen und den Ton hören kann. Es kommt vor, dass sich aus etwas Gesehenem, das einen beschäftigt, ein Gespräch ergibt mit den andern. Frau S. hat Besuch von einer Mitbewohnerin. Zusammen wollen sie sich einen alten Spielfilm ansehen. Sie hat ein Paket Pommes Chips und eine kleine Flasche Wein geöffnet und erzählt vom Besuch ihrer Tochter.
Draussen ist es still geworden. Der Kater kommt nach Hause. Er weiss ganz genau, wie er die Schiebetür am Eingang zu öffnen hat. Auch im Haus ist es ruhig. Die Nachtwache hat den Tagesrapport von der diensthabenden Pflegehilfe übernommen und geht jetzt von Tür zu Tür um guten Abend zu wünschen und nachzusehen, ob alles in Ordnung ist oder jemand etwas braucht. Warmes Licht leuchtet von den Lämpchen vor jeder Tür mit dem Sternbild darauf, das jedem Zimmer den Namen gibt.
Herr B. ist müde geworden. Wie wird wohl diese Nacht? Oft wacht er auf und kann schlecht wieder einschlafen. Die Familiensituation seines Sohnes beschäftigt ihn. Dann ist er froh, wenn er Frau R., die Nachtwache rufen kann, damit sie sich zu ihm ans Bett setzt, seine Hand nimmt und ihm zuhört, wenn er seine Sorgen mit ihr teilen möchte.
Frau S. ist eingeschlafen. Das sanfte Streifen der Zweige auf dem Dach war ihre Nachtmelodie. Leise löscht die vorbei schauende Nachtwache das Licht und schaltet den Fernseher ganz aus, damit kein Strom im Kreislauf den leichten Schlaf der Zimmerbewohnerin mehr stören kann.
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